Seffern,

Der Bericht zur Ahrtal-Flut - Einsatzbereicht unseres Helfers Tobias - Teil 1

Unser Helfer Tobias Mihm hat seine Erlebnisse und Eindrücke aus den zahlreichen Ahrtal-Einsätzen in einen sehr persönlichen Einsatzbericht gepackt. Jede Woche erscheint ein neuer Teil des Berichtes. Dies ist der erste Teil mit der ersten Alarmierung für unseren Ortsverband
Hangrutsch in der Gemeinde Seffern

Hangrutsch in der Gemeinde Seffern

Donnerstag, 15. Juli 2021

Ich schrecke aus dem Schlaf hoch und denke: „Was piepst mich denn da wach?“ „Dein Handy hat auch schon mehrmals vibriert“, murmelt mir meine Frau im Halbschlaf zu. Ich schaue auf die Uhr: 04:13 Uhr. „Viel zu früh, denke ich. Dennoch raffe ich mich auf. Ein Blick aufs Handy verrät mir, dass ein Kamerad vom Technischen Hilfswerk (THW) zweimal versucht hat, mich zu erreichen. Für diese Uhrzeit ist das eher ungewöhnlich. Es piepst immer noch – also aufstehen, zum Funkmeldeempfänger. „Einsatz für das THW Seligenstadt – Hochwasser Bitburg“ lese ich mit müden Augen. Jetzt bin ich wach: „Schatz, ich muss los, wir haben einen Hochwassereinsatz, keine Ahnung wie lange es dauert!“

So beginnt für mich eine sehr bedrückende und traurige, aber auch eindrucksvolle und lehrreiche Zeit, die mir in mancher Hinsicht die Augen öffnen wird.

Für mich heißt es jetzt Abschied nehmen von den schlafenden Kindern und meiner Frau und Aufbruch in eine unbekannte Situation. Ich weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was mich in den nächsten Stunden und Tagen erwarten wird. Genauso wenig kann ich vorhersagen, wie unser Einsatz verlaufen wird. Natürlich steht bei jedem unserer Einsätze der Selbstschutz an erster Stelle, aber unverwundbar sind auch wir nicht.

Ich mache mich auf den Weg ins zehn Kilometer entfernte Seligenstadt. Wir treffen uns in unserem THW-Ortsverband. Die meisten der ortsansässigen Kameradinnen und Kameraden sind schon da und bereiten unsere Abfahrt vor: Material und Ausrüstung nochmal kurz checken und ein paar Getränke einladen – das sollte fürs Erste reichen. Dann geht es los. Auf der Fahrt besprechen wir weitere Einsatzdetails und erfahren, dass das Hochwasser aufgrund heftigen Starkregens aufgetreten ist. So weit – so gut: Hochwasser ist für uns alle ein bekanntes Einsatzszenario, auf das wir relativ gut vorbereitet sind – zumindest dachten wir das.

Wir kommen gegen 08.30 Uhr am Treffpunkt in Bitburg, dem sogenannten Bereitstellungsraum, an und müssen zuerst, genau wie viele weitere angerückte Einsatzkräfte, einen Moment warten, bevor wir einen detaillierten Einsatzauftrag erhalten. Sobald wir diesen bekommen haben, fahren wir los – mitten hinein ins Hochwassergebiet im Kreis Bitburg-Prüm, vorbei an in Flussbetten liegenden Fahrzeugen, vorbei an unterspülten und weggerissenen Straßen, vorbei an zerstörten Brücken. Die Stimmung in unserem Fahrzeug ist angespannt und jeder versucht sich auf seine Weise auf das vorzubereiten, was ihn möglicherweise erwartet. In einer Sache sind wir uns jedoch schnell einig: So etwas haben wir noch nie gesehen!

Der erste Einsatzauftrag lautet, einen Hangrutsch in dem kleinen Örtchen Seffern zu beseitigen. Ein Pferdehof in einer Stichstraße wurde durch ihn von der Außenwelt abgeschnitten. Nach unserer Ankunft in Seffern und einer Lageerkundung wird schnell klar, dass wir auf Grund der räumlichen Gegebenheiten die Einsatzstelle nur mit wenigen Helfern bearbeiten können. Der Rest von uns macht sich direkt auf den Weg durch den Ort und bietet den Betroffenen Hilfe an. So kommt es, dass wir Keller auspumpen (die teilweise direkt wieder volllaufen, da das Wasser durch jede Ritze des Mauerwerks drückt) oder – auch wenn das eigentlich nicht in unseren Aufgabenbereich fällt – dabei helfen Wohnungen auszuräumen oder zugänglich zu machen. Es ist ein sehr beklemmendes Erlebnis die Türen von überfluteten Häusern zu öffnen. Einerseits wissen wir nicht, was uns hinter der Tür erwartet, andererseits stehen die Wohnungsinhaber oftmals direkt dabei. Wenn dann die Tür aufgeht und die Menschen realisieren, dass alles in der Wohnung zerstört ist, ist das sowohl für die Betroffenen als auch für uns eine extreme Ausnahmesituation. Die Not und die Verzweiflung der betroffenen Menschen sind an diesem Tag allgegenwärtig und ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich versuche, mich in deren Lage zu versetzen. Wie würde ich mich fühlen? Wie würde es mir ergehen? Viel Zeit für solche Gedankenspiele bleibt mir nicht und meine Vorstellungskraft reicht bei weitem nicht aus, ich kann es nur erahnen.

Trotz allem Leid, trotz aller Verzweiflung, trotz aller Schicksale: Es gibt auch schöne und erfreuliche Momente während dieses Einsatzes. Der Zusammenhalt und die Solidarität der Dorfgemeinschaft vor Ort ist beeindruckend: Jeder hilft auf seine Weise. Diejenigen, die vom Wasser nur leicht getroffen oder sogar verschont geblieben sind, packen in der Nachbarschaft mit an oder organisieren Verpflegungspunkte. Sie sorgen dafür, dass die Betroffenen etwas zu essen und trinken bekommen und verbreiten auf diese Weise ein Stück weit Optimismus, dass es irgendwie weitergeht. Die Betroffenen nehmen die angebotene Hilfe dankbar an. Neben all den körperlich doch recht anstrengenden Aufgaben während des Einsatzes bleibt aber auch ab und zu Zeit sich mit den Betroffenen zu unterhalten. Wir hören ihnen zu, lassen uns berichten von dem Erlebten. Manchmal reicht eben auch nur das offene Ohr – auch dafür sind wir da.

Nach gut 23 Stunden ist der erste Einsatz für uns beendet. Natürlich haben wir mittlerweile auch Informationen darüber bekommen, wie es in den Nachbarregionen aussieht. Die Lage ist allerdings insgesamt noch sehr unklar. So kann beispielsweise noch niemand genau sagen, wo und in welchem Umfang Hilfe am nötigsten ist, welche Straßen noch befahrbar sind, wie oder wo die Unterbringung von Helfenden stattfinden oder die Versorgung mit Essen und Trinken gewährleistet werden soll. Daher machen wir uns auf den Heimweg und kehren alle gesund und wohlbehalten nach Hause zurück. Für heute reicht es, wir sind müde und ausgepowert, aber auch glücklich und zufrieden. Glücklich, dass der Einsatz für uns gut verlaufen ist; zufrieden, dass wir helfen konnten; erleichtert, dass wir das Glück haben, nicht betroffen zu sein.

Den folgenden Tag verbringen wir im Ortsverband um die Einsatzbereitschaft wiederherzustellen. Pumpen und Schläuche müssen durchgespült und von grobem Schmutz befreit werden, Werkzeug muss gereinigt werden und auch die Autos bekommen eine Wäsche. Ein bisschen Papierkram muss ebenfalls noch erledigt werden. Die sogenannte Einsatznachbereitung gehört eben auch dazu. Jedoch sind wir uns schon zu diesem Zeitpunkt sicher, dass diesem Einsatz noch weiter folgen werden – und genau so geschieht es dann auch.

Wie es weitergeht mit den Erlebnissen unseres Helfers Tobias erfahrt ihr nächste Woche Freitag


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