Sinzig, 28.01.2022, von Tobias Mihm

Der Bericht zur Ahrtal-Flut - Einsatzbereicht unseres Helfers Tobias - Teil 2

Unser Helfer Tobias Mihm hat seine Erlebnisse und Eindrücke aus den zahlreichen Ahrtal-Einsätzen in einen sehr persönlichen Einsatzbericht gepackt. Jede Woche erscheint ein neuer Teil des Berichtes. Dies ist der zweite Teil in dem es um die Räumung einer Schule geht

Einsatzkleidung nach einem Tag Einsatz im Schulgebäude

Einsatzkleidung nach einem Tag Einsatz im Schulgebäude

Den erste Teil der Geschichte findet ihr hier

Dienstag, 20. Juli 2021

Eine erneute Alarmierung zum Hochwassereinsatz – dieses Mal jedoch mit dem Hinweis, eine Tasche mit persönlicher Ausrüstung für mehrere Tage mitzunehmen. Wir sollen autark an potentiellen Einsatzstellen arbeiten können. Also mache ich mich wieder auf den Weg in die Unterkunft. Hier erhalten wir Informationen über die aktuellen Entwicklungen im Einsatzgebiet und wir erfahren, wohin wir verlegen werden. Entsprechend des Einsatzauftrages beladen wir die Fahrzeuge: Zelte, Feldbetten, Bierzeltgarnituren, Zeltheizungen (in der Eifel wird es auch im Juli nachts recht kühl), Lebensmittel und Getränke, Trinkwasser, eine Hygienebox mit Dingen des täglichen Bedarfs von A wie Abfallbeutel bis Z wie Zahnpasta – alles muss innerhalb kürzester Zeit gepackt und sicher verstaut werden.

Glücklicherweise besteht die Personaldecke eines Ortsverbandes nicht nur aus Helfern, die in die Einsätze gehen, sondern auch aus denjenigen, die sich im Hintergrund darum kümmern, dass dann im Einsatz alles glatt läuft. So macht sich beispielsweise unser Küchenteam schon im Vorfeld Gedanken darüber, welche Lebensmittel und Getränke wir in einem möglichen Einsatz gut gebrauchen könnten. Auf dem Speiseplan stehen vorwiegend Speisen, die sich einfach zubereiten und problemlos ungekühlt lagern lassen, beispielsweise Konserven, 5- Minuten-Terrinen, Süßigkeiten, Müsliriegel. Das Küchenteam kauft ein und lagert die Lebensmittel in Kisten, dass wir in einem Einsatzfall möglichst schnell Zugriff darauf haben. Sie kontrollieren immer wieder, dass die Lebensmittel nicht ihre Haltbarkeiten überschreiten. Wir sind eben jederzeit Einsatzbereit – auch in dieser Hinsicht.

Dann noch ein kurzes Antreten, ein schneller Gruß der Verantwortlichen des Ortsverbandes mit dem Hinweis gesund zurück zu kommen und sich auch mental auf alles vorzubereiten. Nach der Besetzung der Fahrzeuge macht sich eine blau-weiße Kolonne, bestehend aus drei Fahrzeugen und 13 Helfern, in Richtung Bereitstellungsraum – dieses Mal ist es der Nürburgring – auf den Weg.

Wir kommen dort am späten Abend an. 4500 weitere Einsatzkräfte sind hier bereits untergebracht, sodass es keine freien Betten mehr gibt. Daher heißt es in alter THW-Manier: Improvisieren. Nach einer kurzen Nacht auf dem Ringboulevard auf Feldbetten mit geschätzten 500 weiteren THW-Kräften und einem ausgiebigen Frühstück geht es dann für uns los in das von der Flut betroffene Gebiet.

Dieses Mal führt uns der Einsatzauftrag in die Stadt Sinzig. Wir sollen dort die örtlichen Kräfte bei der Räumung betroffener Gebäude unterstützen. Sechs Tage sind seit dem Unwetter nun schon vergangen und die Wassermassen sind schon längst wieder aus den Straßen verschwunden. Was jedoch geblieben ist, ist eine chaotische, nicht näher definierbare Masse aus Schlamm und Trümmern. Das Ausmaß der Zerstörung ist zwar nicht zu übersehen, richtig begreifen kann ich es jedoch nicht. Zu den vielen visuellen Eindrücken gesellt sich an verschiedenen Stellen im Ort noch der Gestank aus trocknendem Schlamm, Öl, Fäkalien und Verwesung. Und auch hier erzählen uns Betroffene wieder von der Flutnacht und dem Erlebten. Es ist die Kombination dieser drei Faktoren, die mir den Einsatz in Erinnerung behalten werden.

In einer ebenfalls von der Flutwelle getroffenen Schule werden wir für die kommenden Tage untergebracht, zusammen mit THW-Kräften anderer Ortsverbände und einem Verpflegungstrupp des Malteser Hilfsdienstes. Der Strom ist auch in der Schule seit dem Hochwasser komplett ausgefallen, sodass auch hier das THW mit einem Aggregat Abhilfe schafft und Elektrizität einspeist. Der Schulhof wird eine Art kleiner Bereitstellungsraum für alle Einsatzkräfte. Anwohner, die etwas zu Essen brauchen, auf die unzähligen Sachspenden zurückgreifen müssen oder einfach nur reden wollen, werden ebenfalls nicht weggeschickt. Schließlich haben wir mehr als genug, vor allem dank der großzügigen Spenden von Supermarktketten und einigen Privatpersonen. Es ist weit mehr vorhanden als verarbeitet oder abgeholt werden kann – die meisten Menschen haben das Gebiet verlassen.

Abends sitzen wir zusammen und lassen den Tag nochmal Revue passieren. Dabei kommt auch der Überschuss an Lebensmitteln an unserem Standort zur Sprache und wir beschließen, am kommenden Tag die Trockenwaren (Nudeln) eingepackt zu lassen. Stattdessen wollen wir aus den alten Brötchen Semmelknödel machen. Gerne bin ich als gelernter Koch bereit, den Verpflegungstrupp dabei zu unterstützen. So versuchen wir Lebensmittelverschwendung im Katastrophengebiet zu vermeiden oder zumindest zu vermindern. Nebenbei bemerkt war es eine sehr schöne und unterhaltsame Abwechslung.

Die Schule, in der wir untergebracht sind, ist auch unser Einsatzort. Wir beräumen das teilweise immer noch überflutete Keller- beziehungsweise Erdgeschoss. Bis etwa fünf Zentimeter unter die Decke stand hier das Wasser und überall im Gebäude liegen Treibgut, zerstörtes Mobiliar sowie Lehrmaterial durcheinander. Zuerst werden die Flure in einem anfangs aussichtslos erscheinenden Kampf von der zentimeterdicken Schlammschicht befreit. Kaum haben wir eine Ladung des zähflüssigen Schlamms mit Besen oder Schneeschippen weggeschoben, fließt schon wieder neuer Schlamm dorthin. Letzten Endes schaffen wir es, die Gänge so weit zu räumen, dass wir im nächsten Schritt in die einzelnen Schulräume vordringen können. Die Türscharniere und schlösser sind komplett verschlammt und die Türen lassen sich nicht öffnen, daher beginnt ein Trupp, bestehend aus zwei Mann damit, die Türen einzeln aufzubrechen. Gar keine leichte Aufgabe auf einem so rutschigen Boden ohne festen Stand Tritt zu fassen, um die benötigte Kraft aufzuwenden. Sobald die ersten Türen geöffnet sind, machen sich die anderen daran, alles was die Flut zurückgelassen hat, nach draußen in den Schulhof zu befördern. Ein zäher und kraftraubender Knochenjob. Alles, was noch irgendwie brauchbar erscheint, wird separat gesammelt, der Rest wird irgendwann entsorgt werden.

Zwei Dinge sind mir persönlich besonders in Erinnerung geblieben: Einerseits bin ich überrascht und auf eine gewisse Art auch fasziniert davon, welche Kraft Wasser selbst in einem geschlossenen Gebäude entwickeln kann. Teilweise wurden Wände im Schulgebäude eingedrückt oder massive Regale einfach weggespült. Andererseits schmerzt es, die Fachräume zu sehen, mit all dem unbrauchbar gewordenen Lehrmaterial und Equipment – die Flutwelle hat beispielsweise auch mehrere hundert iPads zerstört, die erst vor kurzer Zeit beschafft worden waren, um den Schülerinnen und Schülern das digitale Lernen zu ermöglichen bzw. zu erleichtern.

Jedoch zeigt sich auch hier wieder, dass der Wille, diese Katastrophe hinter sich zu lassen, bei allen Menschen spürbar ist. Der Hausmeister, die Schulleitung und einige Lehrkräfte sind gekommen, um zu unterstützen, aber auch Schülerinnen und Schüler und sogar Ehemalige kommen zur Schule, um ihre Hilfe bei der Räumung anzubieten und tatkräftig mit anzupacken.

Am Abend des dritten Einsatztages packen wir kleine Carepakete bestehend aus ein paar Brötchen, Würstchen, verschiedenen Aufstrichen, Obst und etwas zu trinken. Wir machen uns damit auf den Weg in den Ort Sinzig, um denjenigen, die dortgeblieben sind, eine kleine Freude zu machen. Es fühlt sich an wie in einer Geisterstadt: Die Straßen sind nahezu verlassen und gespenstisch senkt sich die Dämmerung langsam auf die noch immer mannshohen Schuttberge in den Straßen. Straßenlaternen gibt es zwar, jedoch ist die Stromversorgung noch nicht wiederhergestellt. Die Straßen werden auch heute Nacht dunkel bleiben. Hier und da sind noch Menschen in ihren Wohnungen und Häusern am Arbeiten. Wir klopfen an, fragen ob etwas benötigt wird, auch medizinische Ersthilfe können wir anbieten. In den meisten Fällen geht es den Menschen zumindest gesundheitlich gut, aber über ein Carepaket freut sich dann doch jeder und nimmt es dankend an. Wir laufen weiter durch die Straßen, immer wieder begegnen uns zwei Polizisten, die in diesem Viertel Streife laufen, um Plünderungen vorzubeugen. Plötzlich zerreißt der Schrei eines Kleinkindes die Stille. Wir schauen uns an und jedem von uns läuft ein kalter Schauer den Rücken herunter. Warum sollte ausgerechnet hier irgendwo noch ein Kind sein? Wir überlegen, woher dieser Schrei gekommen sein könnte und entdecken das weinende Kind. Es steht im obersten Geschoss eines mehrstöckigen Hauses am geöffneten Fenster. Niemand sonst ist zu sehen – auch die Polizisten haben ihre bisherige Lockerheit verloren. Es dauert nur ein paar Sekunden, fühlt sich aber an wie eine Ewigkeit, bis der Vater des Kindes zu diesem ans Fenster tritt. Er wird gefragt, ob alles okay sei. Sein Deutsch ist sehr schlecht, aber es reicht um zu verstehen, dass sie dort oben festsitzen, weil sie keine Alternative haben. Sie müssen ausharren, ohne Wasser und ohne Strom. Die Lebensmittel im Kühlschrank seien verdorben und das Kind sei hungrig. Der Aufforderung nach unten zu kommen und die Tür zu öffnen, folgt der Mann gerne. Er nimmt dankbar ein paar der Carepakete entgegen. Verpflegung für ein, vielleicht zwei Tage, aber zumindest in dieser Nacht muss die Familie nicht ganz ausgehungert einschlafen. Mittlerweile ist es fast ganz dunkel geworden. Vereinzelt flackern Kerzen hinter zersprungenen Scheiben, oder die Menschen sitzen auf den Treppenstufen vor ihren Häusern. Diejenigen, die nicht aus Sinzig weg können oder wollen, werden die Nacht in den Trümmern ihres bisherigen Lebens verbringen.

Mit der Dunkelheit beginnt aber auch gleichzeitig ein weiterer wichtiger Abschnitt der Aufräumarbeiten. Große Radlader des Technischen Hilfswerks schieben sich nun langsam durch die Straßen, gefolgt von Kipplaster um Kipplaster, um die schlammigen Schuttberge zu beseitigen. Tagsüber sind zu viele Menschen auf der Straße um all das, was sie aus ihren Häusern heraustragen, wertvolle Erinnerungsstücke, Möbelstücke aller Zimmer, bunte Fotoalben mit Kindheitserinnerungen, CDs und Bücher, Fahrräder, ihr ganzes Hab und Gut, mit schwerem Gerät wegräumen zu können. Das wird bis ins Morgengrauen hinein dauern. So geht es nun seit sechs Tagen und morgen Abend wird es hier wieder genauso aussehen – ein Ende der Müllflut ist noch lange nicht in Sicht.

Am Freitag, den 23. Juli machen wir uns wieder auf den Heimweg. Unsere Ablösung an der Schule ist eingetroffen. Wir wissen, dass es dort zumindest weitergeht.

Die Rückfahrt führt uns an der Ahr entlang Richtung Autobahn. Ich bin mir sicher, dass diese Fahrt jedem von uns in Erinnerung bleiben wird. Die ganze Kraft des Wassers und das volle Ausmaß der Zerstörung werden uns nochmal vor Augen geführt. Der Flusslauf der Ahr hat sich innerhalb weniger Stunden komplett verändert. Vereinzelt sehen wir Gullys oder Schächte mitten in der Ahr, die davon zeugen, dass dort mal eine Straße oder zumindest ein Weg verlaufen sein muss.

Wir fahren an Bahnschienen entlang, die durch die Strömung einfach weggerissen oder verbogen wurden, die Betonschwellen liegen wild durcheinander. Natürlich kommen wir auch immer wieder an Brücken vorbei oder dem was davon übriggeblieben ist. Es ist keinesfalls so, dass die Flut ausschließlich die alten gemauerten (Sand-)Steinbrücken weggerissen hat, sondern auch massive Stahlbetonbrücken mit metertiefen Fundamenten wurden einfach zerstört.

 In den Ortschaften entlang der Ahr sehen wir Straßenzüge mit teilweise oder ganz zerstörten Gebäuden. Es herrscht ein geschäftiges Treiben und überall an den Ortseingängen und - ausgängen sehen wir riesige Flächen, auf denen all das, was aus den Ortschaften mit Kipplastern oder Traktoren mit Anhängern herausgefahren wird, erstmal zwischengelagert werden kann. Viel später wird es hier von Verwertern abgeholt werden.

In der Ferne entdecken wir unter einer Autobahnbrücke einen der Autofriedhöfe. Schätzungen des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) sprechen von etwa 40.000 zerstörten Fahrzeugeni. Eine wirklich beeindruckende Zahl.

Zurück in Seligenstadt werden wir von den Kameradinnen und Kameraden empfangen, die nicht mit in den Einsatz gehen konnten. Viele von uns haben Familien, manche sind selbstständig tätig und können es sich aus finanzieller Sicht nicht erlauben, manche werden von ihren Unternehmen nicht freigestellt, obwohl ein finanzieller Ausgleich erfolgt. Es gibt zwar eine gesetzliche Grundlage für die Freistellung THW-Angehöriger im Katastrophenfall, diese Freistellung zu erzwingen wäre allerdings der falsche Weg. Ich bin daher sehr froh darüber, dass mich meine Familie und unser Unternehmen sowie meine Vorgesetzten und Kollegen so gut unterstützen und mein Engagement befürworten.

Wie es weitergeht mit den Erlebnissen unseres Helfers Tobias erfahrt ihr nächste Woche Freitag


  • Einsatzkleidung nach einem Tag Einsatz im Schulgebäude

  • Einsatzkleidung nach einem Tag Einsatz im Schulgebäude

  • Panorama Bereitstellungsraum Nürburgring

  • Panorama Bereitstellungsraum Nürburgring

  • Das Einsatzteam des THW OV Seligenstadt

  • Das Einsatzteam des THW OV Seligenstadt

  • Gegen die Essensverschwendung: Semmelknödel aus Resten

  • Gegen die Essensverschwendung: Semmelknödel aus Resten

  • Einrichtungsgegenstände - Retten was zu Retten ist

  • Einrichtungsgegenstände - Retten was zu Retten ist

  • Die rausgedrückte Tür des Notausgangs

  • Die rausgedrückte Tür des Notausgangs

  • Die Bibliothek

  • Die Bibliothek

  • Tobias nach beendetem Tageswerk

  • Tobias nach beendetem Tageswerk

  • Die Schule von außen

  • Die Schule von außen

  • Die abendliche Verteilung von Essen an die Bevölkerung

  • Die abendliche Verteilung von Essen an die Bevölkerung

  • Wohngebiet in dem die Carepakete verteilt wurden

  • Wohngebiet in dem die Carepakete verteilt wurden

  • die Ahr

  • die Ahr

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